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Jüngste Stationen des Fuldanet eingeweiht.
Jörg Kachelmann kritisiert Dumpingpolitik des Deutschen Wetterdienstes
Von Christoph v. Gallera

NIDDERAU-OSTHEIM. Volksfeststimmung mitsamt Bürgermeister und Schulkindern auf dem Gelände der Ostheimer Filiale der Kasseler Raiffeisen-Warenzentrale Kurhessen-Thüringen: Gefeiert wurde in dem Ortsteil der Wetterauer Stadt Nidderau Jörg Kachelmann. Der 42-jährige Schweizer Wetterkundler, der werktags die Wettershow "8 vor 8³ in der ARD moderiert, ist zur Zeit auf Einweihungstour in Hessen und Thüringen. Die jüngsten sind seit Freitag in Nidderau-Ostheim und in Neu-Anspach an das deutschlandweit rund 270 Wetterstationen umfassende Netz gegangen, das von den Gummiwerken Fulda gesponsert wird.

„Für uns ist das die erste Wetterstation, die überhaupt auf in Deutschland auf dem Betriebsgelände einer Raiffeisen-Filiale eingerichtet wird", so Reinhard Porwoll , Mitglied der Geschäftsführung der RWZ Kurhessen-Thüringen. Viele Menschen gäben sich heute nicht mehr mit ungefähren Wettervorhersagen zufrieden, sondern wollen möglichst genaue Prognosen erfahren. Die Hintergründe dafür seien vielfältig. Zum einen seien es die Landwirte, die präzise Vorhersagen besonders für die Saat- und Erntesaison brauchen, zum anderen spiele das Wetter auch bei der Freizeitplanung eine große Rolle. Nicht zuletzt seien exakte Wetterdaten auch für den täglichen Straßenverkehr wichtig.

Mit einem dichten Meßnetz, dessen Daten direkt verarbeitet würden, sei es möglich, dass sich zum Beispiel auch Reifenhändler direkt auf bevorstehenden Wetterwechsel reagieren und die passenden Reifen bereit halten könnte, ergänzte Jürgen Mihm, regionaler Gebietsleiter der Fuldawerke. Wie Mihm weiter sagte, lassen sich 75 Prozent aller Verkehrsunfälle auf widrige Straßenverhältnisse zurückführen. Zwischen Verkehrsicherheit und Witterungsbedingungen bestehe ein direkter Zusammenhang und damit zwischen der richtigen Reifenwahl und dem Wetter.

Die gute Laune, die der Wettermann ausstrahlt, verfliegt allerdings schnell, wenn er über den öffentlich-rechtlichen Deutschen Wetterdienst DWD in Offenbach spricht. „Da wird das Geld mit offenen Händen zum Fenster rausgeschmissen", meint Kachelmann. „Wer in der freien Wirtschaft Qualität liefern will, kann das nicht zu Dumpingpreisen machen. Wenn dann auf der anderen Seite eines Staatsbehörde auftritt und Angebote weit unter wirtschaftlich vertretbaren Gesichtspunkten abgibt, hat privater Wettbewerb letztlich kaum eine Chance."

Kachelmann begründet seinen Vorwurf mit Erfahrungen, die er unter anderem mit dem Ostdeutschen Rundfunk gemacht habe. „Wir wurden zur Angebotsabgabe aufgefordert. Da die Chancen, den Auftrag zu bekommen aufgrund der Wettbewerbslage niedrig lagen, ging die Kalkulation gegen null. Vom DWD kam ein Angebot, das dann noch ein Drittel unter unserem lag."

Laut Kachelmann hält der DWD, der rechtlich eine Behörde des Bundesverkehrsministeriums ist, rund 85 Prozent der Marktanteile. Sein Unternehmen habe rund vier Prozent, den Rest teilten sich andere Mitbewerber. „Im jüngsten Haushalt wurde der DWD mit rund 634 Millionen Mark bedacht", moniert Kachelmann seiner Ansicht nach ungleiche Voraussetzungen.

Hoffnung auf Änderung dieser Bedingungen sieht er allerdings in Verhandlungen mit der EU-Kommission in Brüssel und einer Neuerung bei der ARD: Ab November übernimmt er auch die Moderation der Samstagswetterschau, die bisher vom Hessischen Rundfunk geliefert werde.

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Hintergrundinformationen für Ihre Leser:
Wetterstationen des privaten Wetterdienstes Fuldanet gibt es in Hessen unter anderem in Frankenberg, Fritzlar, Rotenburg/Fulda,, auf der Wasserkuppe, in Fulda und Frankfurt. In Südniedersachsen ist bisher Beverungen mit zwei Stationen vertreten. Die jeweiligen Standorte können entweder über eine Karte oder ein Popup-Menü aufgerufen werden und geben Auskunft über die aktuellen Wetterdaten.

Der Streit zwischen Jörg Kachelmann und dem Deutschen Wetterdienst hat Tradition. Wer einen Internetzugang besitzt, kann die unterschiedlichen Positionen sozusagen in Echzeit mitverfolgen.

Das jüngste Streitthema ist ein Dreimonate-Wettervorhersage-Modell, das der DWD unter anderem wegen der Vorhersage-Panne beim Weihnachtskan „Lothar" in Angriff genommen hatte. DWD-Meteorologe Uwe Wesp setzt auf die Entwicklung einer Prognosetechnik, die Wetterentwicklungen für ein Vierteljahr ermöglicht. Nach einer harschen Kachelmann-Kritik in der Süddeutschen Zeitung hatte Wesp seine zunächst euphorische Ankündigung gedämpft und gesagt, es müsse noch viel an diesem Modell gearbeitet werden.